Ein Freund fragte mich, welche Töne ich denn hören würde, wenn mir Gerüche zu laut seien. Verwundert sagte ich, „Ich höre doch nichts, ich habe ja keine Halluzinationen, es ist nur laut.“ Diese einfache Frage ließ mir jedoch keine Ruhe und ich bestellte mir u.a. Bücher von Kandinsky und von Richard Cytowic das populärwissenschaftliche Buch „Farben hören, Töne schmecken“. Während mir bei Kandinskys Buch „Das Geistige in der Kunst“ permanent das Wasser im Mund zusammenlief, als ob ich in einem super leckeren Rezeptbuch lesen würde, blieben solche Phänomene bei Cytowic aus.

Cytowic ist Professor für Neurologie und gehört weltweit zu den führenden Experten auf dem Gebiet der Synästhesien. Zufällig, wie er sehr unterhaltsam schreibt. In den 80ern musste er noch beweisen, dass Synästhesien keine Phantasien sind, sondern real erlebte Kombinationen der Sinne. Irgendwo habe ich mal gelesen, weiß aber leider die Quelle nicht mehr, es gäbe über 60 verschiedene Synästhesien.

Eine Frau, die Cytowic geschrieben hatte, beschrieb ihre Synästhesien folgendermaßen:
„Ich sehe ganz oft Klänge als Farben, wobei ich noch einen gewissen Druck auf der Haut spüre. Ich habe noch niemals jemanden getroffen, der auch Klänge sah. Ich weiß nicht, ob „sehen“ der richtige Ausdruck ist. Ich sehe sie, aber nicht mit meinen Augen, falls Sie das verstehen können. Ein Leben ohne meine Farben kann ich mir nicht vorstellen.“
Zu dem Freund hätte ich also sagen können: Ich höre Gerüche, aber nicht mit meinen Ohren, falls du verstehst, was ich meine.

Da Cytowic Wissenschaftler und Neurologe ist, hätte ihm das nie als Antwort gereicht, sondern er unternahm mit seinem Freund Michael, der Synästhetiker war, einige Experimente. Er fand heraus Alkohol und Amylnitrit verstärken Synästhesien, während Amphetamine sie blockieren. Als der Michael eine Entziehungskur vom Alkohol machte, gingen seine Synästhesien für einige Zeit verloren, kamen dann aber wieder.
Mit seinem Kollegen David Stump, der ein Spezialist für die Messung des Gehirnstoffwechsel ist und über entsprechendes Equipment verfügt, führte Cytowic bei Michael eine Messung des Gehirnstoffwechsels durch, indem Michael radioaktiven, Xenon-haltigen Sauerstoff inhalierte. Dadurch konnte Cytowic belegen, was er schon vorher vermutete: Synästhesien entstehen im limbischen System, in der linken Hemisphäre. Der Hippocampus spielt dabei eine wesentliche Rolle. Der Cortex wird in der Zeit der Synästhesien nahzu unterdrückt. Er vergleicht zudem Synästhesien analog zu Migräne, aber ohne damit zu sagen, dass sie sich physiologisch gleichen. Die Analogie bestünde darin, dass es für beides Auslöser gäbe und wir verstehen bei Migräne genausowenig, warum es dazu kommt.
Er bezeichnet Synästhetiker als kognitive Fossilien.

„Synästhesie ist nichts, was irgendwann hinzugefügt worden ist, vielmehr hat es sie schon immer gegeben…Die multisensorische Wahrnehmung ist etwas, das bei der Mehrheit der Menschen als bewusste Wahrnehmung verlorengegangen ist.“ Synästhesien sind Sinnesreize, die unterhalb der bewussten Wahrnehmung liegen. Synästetiker können diese Reize also lediglich noch wahrnehmen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s