Zaungast

Manchmal nehme ich quasi einen Logenplatz ein und kann dem Geschehen aus einer anderen Perspektive folgen. Merkel war heut zu Besuch. Das Polizeiaufgebot war größer und die Sicherheitsvorkehrungen ebenso. Im Prinzip war es eine Stippvisite. Sie musste sich viel Mühe geben, gehört zu werden, weil sich einige eher wie beim Fußballspiel verhielten, mit lauten Tröten und Pfeifen. Bremen hat ja eher eine Rotfärbung, politisch gesehen. Man hörte deutlich, dass die Menschen ihr gegenüber sowohl ambivalent sind als auch sehr viel Respekt haben. Eine seltsame Mischung.

Zum Glück hatte ich keine Sitzung, so sehr ich meine Praxisräume auch liebe, und so ideal sie auch mitten im Herzen Bremens liegen, aber an eine Sitzung wäre nicht zu denken gewesen.

Tag – Geschenke

Donnerstag war ein schöner Tag. Erfreulich. Es gibt solche Tage.

Zuerst schrieb ich einem Klienten, der zur letzten Sitzung nicht erschien, dass ich überrascht war, weil das kommentarlose Fernbleiben nicht zu dem Gefühl passte, was ich in den Sitzungen hatte: nämlich eine humorvolle, tragfähige, therapeutische Beziehungsebene. Prompt erhielt ich Antwort: Er habe die letzte Sitzung nicht mehr auf dem Schirm gehabt und ihm würde es so gut gehen, dass er es nicht für nötig hielt, sich bei mir zu melden, dass er aber weiß, dass er es machen wird, wenn er entsprechenden Bedarf hat.

Dann erhielt ich eine wunderschöne Email von einer Frau, die vor 2 Monaten entbunden hatte, die mir Rückmeldung zum Hypnobirthing geben wollte, weil sie dankbar war, dass sie durch die Unterstützung der Hebamme und des Hypnobirthings ein schönes Geburtserlebnis hatte. Berührt hat mich, als sie schrieb, ihr Sternenguckerkind hätte den Geschwistern im Himmel sagen wollen, dass es gut angekommen sei.

Dann bekam ich eine Email von einer Klientin, mit der ich mich in vier Sitzungen zusammenraufen musste, dass sie gerne weiterhin käme, weil es ihr gut getan hätte und sie jetzt an einem anderen Punkt, auf einer anderen Ebene, gerne die Therapie fortsetzen möchte.

Und zuguterletzt erhielt ich noch eine Rückmeldung einer Mutter, die mit ihrem Sohn wegen Spritzenphobie zu mir kam, dass er heute mit unserer erarbeiteten Methode in nur einer Sitzung in der Lage war, sich Blut abnehmen zu lassen.

Ich liebe solche Tage. Geschenke.

umträinierte Linkshändigkeit

Immer mal wieder fällt mir auf, dass Klienten von mir viel mit der linken Hand gestikulieren oder spontane Greifbewegungen machen aber mit der rechten Hand schreiben. Wenn ich es anspreche sagen manche, dass sie eher beidhändig begabt sind, manche Dinge mit links, manche mit rechts tun. Manche sind erstaunt und überrascht, weil sie das noch nie bemerkt haben und ein Drittel sagt, dass sie früher mit links geschrieben haben, aber sich selbst umtrainiert haben oder (je nach Alter) gedrillt worden sind, mit der rechten Hand zu schreiben.

Heute gilt das Umtrainieren von Links auf Rechts als Körperverletzung, weil es ein massiver Eingriff, nicht nur in die Persönlichkeitsrechte eines Menschen darstellt, sondern, in das Gehirn an sich – ohne Skalpell. Weil die dominante Gehirnhälfte, die bei Rechtshändern links ist und bei Linkshändern rechts, zur Ruhe gezwungen wird und die nicht-dominante Gehirnhälfte wird gezwungen, die Regie zu übernehmen. So entsteht ein „Knoten im Gehirn“ (Buchtitel von Johanna Barbara Sattler), der zu Sprachstörungen, Stottern, Legasthenie, Bettnässen, Schlafstörungen, Ungeschicklichkeit, Entscheidungsschwierigkeiten und Konzentrationsstörungen führen kann. Derealisationsgefühle oder Dissoziationsgefühle wurden auch berichtet. Wenn der selbst- oder zwangs- umgeschulte Linkshänder dann wieder mit rechts schreibt, löst sich nach und nach der Schleier, die oben aufgeführten Symptome verändern oder vermindern sich. Solch eine Um-Umschulung sollte vorher geprüft werden und z.B. von einer spezialisierten Ergotherapeutin begleitet werden. Bis 50 Jahre ist solch ein Prozess sinnvoll, später eher nicht.

Es werden viele Gründe für Linkshändigkeit vermutet – nebenbei bemerkt, kommt sie auch im Tierreich vor – eine Erkenntnis ist, dass es unter Zwillingen sogenannte „Spieglezwillinge“ gibt, bei dem der eine rechts und der andere linkshändig ist. Wenn sie z.B. beim Essen gegenübersitzen, entsteht nicht nur für Außenstehende der Eindruck, jemand säße vor einem Spiegel. Dieses Phänomen soll in der frühen Anlage ca. in der 8. Schwangerschaftswoche entstehen. So wird vermutet, dass es einen frühen Tod des (Rechtshänder-)Zwillings gab, wenn ein Linkshänder geboren wird. Manche sagen 12% der Menschen seien Linkshänder, andere sagen, die Wahrscheinlichkeit läge bei 50%, 38% wüssten es nur nicht.

Bindungstrauma vs. Borderline

Die klassische Diagnose nach dem ICD 10 für ein Bindungstrauma ist

F60.3 „emotional instabile Persönlichkeitsstörung“ sowohl
..30 impulsiver Typus und
..31 Borderline Typus.

Zitat: „Die emotional instabile Persönlichkeitsstörung… mit eindeutiger Tendenz, impulsiv zu handeln ohne Berücksichtigung von Konsequenzen, und mit wechselnder, instabiler Stimmung. Die Fähigkeit, vorauszuplanen, ist gering und Ausbrüche intensiven Ärgers können zu oft gewaltätigem und explosiblem Verhalten führen: dieses Verhalten wird leicht ausgelöst, wenn impulsive Handlungen von anderen kritisiert oder behindert werden. Zwei Erscheinungsformen dieser Persönlichkeitsstörung können näher beschrieben werden, bei beiden finden sich Impulsivität und mangelnde Selbstkontrolle.“ Diese Beschreibung umfasst schon den impulsiven Typus.
Der Borderline Typus wird folgendermaßen ergänzt: „zusätzlich sind oft das eigene Selbstbild, Ziele und >innere Präferenzen< (einschließlich der sexuellen) unklar und gestört. Meist besteht ein chronisches Gefühl der Leere. Die Neigung zu intensiven, aber unbeständigen Beziehungen kann zu wiederholten emotionalen Krisen führen mit übermäßigen Anstrengungen, nicht verlassen zu werden, und mit Suizidandrohungen oder selbstschädigenden Handlungen.."

So, wie für mich die „posttraumatische Belastungsstörung“ (F43.1, ICD 10) keine -Störung ist, sondern eine natürliche -Reaktion, ist auch die sogenannte „emotional instabile Persönlichkeitsstörung“ für mich keine -Störung sondern eine natürliche Reaktion auf eine emotional instabile Bindung, logischerweise also eine

emotional instabile Bindungsreaktion auf ein frühkindliches Bindungstrauma

Denn die Beschreibung der „Störung“ erinnert doch sehr an ein kleines, ganz normal reagierendes Kind von ca 4 Jahren, das gerade erst lernt, seine Emotionalität nicht zu kontrollieren, sondern zu regulieren. Diese Kinder werfen hinter sich die Tür zu, schmeißen mit Bauklötzen, schreien manchmal und kommen nach 5 Minuten wieder raus und sind wieder „ganz normal“. Meistens haben sich aber die Erwachsenen, sprich Eltern, noch nicht reguliert und manche reagieren dann abweisend, ironisch oder verletzend auf das Kind, wodurch das Kind irritiert wird, weil es keine normale, liebende Resonanz durch die Eltern erhält.

Nach meiner Erfahrung beginnt das Bindungstrauma bereits eher, manchmal schon im Mutterleib. Es ist gar nicht so selten, dass die „passenden Mütter dazu“ in der Schwangerschaft eine prä- und perinatale Depression hatten, die nicht erkannt wurde. Manchmal lag auch eine „schwere Geburt“ vor, ein Kaiserschnitt mit Trennung von der Mutter, weil es noch kein Rooming-In, Känguruing oder Pucken usw. gab.

Ich möchte an dieser Stelle auf den wunderbaren Film: „Die Geschichte vom weinenden Kamel“ empfehlen https://www.youtube.com/watch?v=hxwDt0a5GYE

Dürfen Psychologen eine Behandlung ablehnen?

Ja.
Psychotherapie ist in erster Linie Bindungsarbeit, dafür ist die therapeutische Beziehung immens wichtig. So seh ich das! Es gibt Kollegen, die der Meinung sind, dass die therapeutische Beziehung nicht wichtig ist, sondern die angewandte Methode sei ausschlaggebend für eine erfolgreiche Behandlung.

Es gibt einige Klienten, die am Anfang Ängste haben, sie seien nur eine Nummer für die Therapeutin, und dann soll die therapeuthische Bindung nicht wichtig sein? Als Hypnosetherapeutin weiß ich, WIE wichtig die Chemie ist – von beiden Seiten her gesehen. Dafür haben kassenärztliche Therapeuten die sogenannten probatorischen Sitzungen, die dafür da sind, dass sich BEIDE Seiten für oder gegen die Behandlung aussprechen können.
Schon bei dem ersten Telefonat merke ich aus der Erfahrung heraus- und teilweise auch der Klient – ob es passt oder nicht. Schwieriger sind dabei Email-Anfragen, weil man da keinen direkten, zumindest telefonischen Kontakt hat, aber inzwischen weiß ich, dass allein die Emailadresse schon wichtige Hinweise gibt (Dazu werde ich noch extra schreiben).

D. Ewin hat vom sogenannten Pilo-Arrektor-Test gesprochen: Wenn dem Therapeuten bei einem Klienten die Nackenhaare zu Berge stehen, sollte er bei diesem Klienten keine Hypnose machen. Was lustig klingt ist sehr wichtig. Jeder Therapeut sollte so ehrlich zu sich und seinem (Nicht)Klienten sein und eine Behandlung ggf ablehnen.