Hommage an Dorothea Buck

In diesem Monat ist Dorothea Buck 101 Jahre geworden. Sie hat eine sehr bewegte Lebensgeschichte hinter sich und die NS-Zeit überlebt. Mit 19 Jahren erkrankt sie an Schizophrenie und wird damals zwangssterilisiert, sie schreibt in den 80ern unter ihrem Pseudonym, dem Anagramm von Schizophrenie: Sophie Zerchin über Ihre Erfahrungen und setzt sich für eine humanere Psychiatrie ein. 1995 haben wir die schon damals betagte Frau in unseren Studiengang eingeladen und interviewt. Ihre im Prinzip Anti-Psychiatrie-Einstellung hat mich sehr geprägt. Insbesondere Ihre Einstellung, dass man eine Psychose nicht mit Medikamenten unterbinden sollte, weil der Betreffende sonst nichts daraus lernen kann. Sie hat damals Ihre Psychosen aufgrund Ihres sehr religiösen Elternhauses verstanden und erklärt. In den 1950ern hatte sie ihre letzte psychotische Episode.

Ihre Schilderungen haben mir den Mut gegeben, schon früh in meiner psychologischen Laufbahn, Phasen mancher Klienten ohne Medikamente oder Zwangseinweisung „auszuhalten“, was mancher Kollege mit Kopfschütteln quittiert hat. Es ist eine Grenzerfahrung und erfordert viel Vertrauen in die Selbstheilungskräfte der Klienten.

Sexueller Missbrauch kann manchmal so wiedererlebt werden, als ob er jetzt wäre, auch wenn er schon 30/40/50 Jahre her ist, dann wird m.E. manchmal eine Fehldiagnose gestellt und das Wiedererlebt als Psychose interpretiert. Stattdessen wäre es dann wichtig, den Klienten gut zu begleiten und ihm erklären, was in ihm vorgeht, und daß das Gehirn nunmal keine Vergangenheit kennt und alles wie aktuell erlebt.

Natürlich ist Psychiatrie auch hilfreich und sinnvoll plus Medikalisierung, wenn ich da an Herrmann* denke, der immense physische Kräfte entwickelt hat und wirklich fremd- und selbstgefährdend war.

*Name geändert

Vielen Dank, liebe Dorothea, und herzlichen Glückwunsch zu deinem Geburtstag und deinem biblischen Alter. Ich wünsche dir weiterhin eine starke Gesundheit.

(Der Lesbarkeithalber habe ich die männliche Person gewählt, gemeint sind natürlich Männer und Frauen.)

Advertisements

entFREMDung

Manchmal besitzen wir schon als Kinder eine Fähigkeit, die von anderen erkannt und ausgenutzt, in diesem Sinne missbraucht wird. Dadurch entfremden wir uns dieser Fähigkeit, weil sie zweckemfremdet wurde und leugnen sie. Es ist wichtig, sich dessen bewusst zu werden und sich diese Fähigkeit wieder anzueignen.

Mütterlichkeit oder Fürsorge ist z.B. eine urweibliche Potenz, die unabhängig davon ist, ob wir wirklich Mütter geworden sind oder nicht. Es gibt Frauen, die ein hohes Maß an Mütterlichkeit mitsichbringen und keine Mütter sind, und es gibt Mütter, die kaum einen Funken Mütterlichkeit besitzen.
Wenn diese Fähigkeit bei einem Mädchen, das sie in besonderer Weise innehat, früh erkannt wird und dazu missbraucht wird, andere zu versorgen (z.B. Mutter oder behindertes oder kleinere/s Geschwister) wird es dieser Fähigkeit beraubt, weil sie in einem Alter gefordert wird, wo sie noch nicht ausgereift ist. Das Mädchen ist sich dann ihrer Stärke noch nicht bewusst. Sie wird dieses Verhalten in den weiteren Jahren verachten und oder eine Depression entwickeln, weil sie gibt, gibt gibt, ohne auch zu nehmen oder Anforderungen zu stellen.

1. Es ist wichtig, diese Fähigkeit als weibliche Potenz wahrzunehmen,
2. sie bei sich zu finden,
3. sie sich wieder anzueignen,
4. und sie bewusst und (selbst)achtsam weiter zu geben,
5. um so, andere Menschen reich zu beschenken
6. und dadurch selbst auch reich beschenkt zu werden.

Erzieherinnen, Kinder/Krankenschwestern, Altenpflegerinnen sind nicht zufällig ein typisch weiblicher Beruf. In diesen Berufen verhökern Frauen diese weibliche Ur-Potenz und entfremden sich so ihrer Stärke und Power. Gesellschaftlich wird es quasi immer noch von ihnen stillschweigend erwartet, dass sie die Kinder groß ziehen und später die Schwieger/Eltern pflegen, umsonst versteht sich.

Klar gibt es auch Männer in diesen Berufen und Männer, die diese mütterliche Fürsorgefähigkeit besitzen, dennoch ist es eine weibliche Potenz.