Zufall oder Aberglaube?

Ich bekam eine Anfrage von Radio Bremen, ob ich etwas zu Aberglauben sagen könne, weil ja das Nordderby kommendes Wochenende sei (Werder Bremen gegen HSV). Wir hatten ein kurzes aber durchaus witziges Interview.

Das Wort Aberglaube kommt aus dem 16. Jahrhundert und das Wort „aber“ heißt soviel wie „gegen“, also „Gegen den Glauben“. Abergläubisch zu sein empfand die Kirche als Hexerei und Gotteslästerung.
Aberglaube gibt es allerdings in jeder Kultur, zu allen Zeiten, unabhängig einer Konfession. Aberglaube ist menschlich – und tierisch! Ja! Skinner hat mit Ratten und Tauben (humane) Versuche gemacht: Die Ratte konnte von Punkt A bis B zum Futternapf in 2 Sekunden finden, aber erst zwischen der 4-5 Sekunde gab’s Futter. Wenn die Ratte kurz vorher irgendeinen anderen Laufweg nahm oder sich gekratzt hat o.ä. und es daraufhin zufällig Futter gab, zeigte sie anschließend immer wieder dasselbe Verhalten, weil sie kausal „dachte“, also dass die Wirkung (Futter) durch die Ursache (zufälliges Verhalten) zustande kam. Oder wenn die Tauben kurz vor der Fütterung mit den Flügel schlugen, zeigten sie dieses Verhalten immer wieder. Die Durchführung nannte Skinner „operante Konditionierung“, das Verhalten der Tiere „Aberglaube“. Aberglaube entsteht durch falsche Verknüpfung von Ursache und Wirkung.
Es ist ein Abfallprodukt der Evolution, sich die Welt berechenbar zu machen, daher scannt unser Gehirn permanent die Umwelt nach kausalen Zusammenhängen.
Aberglaube hat die Funktion einer Kontrollüberzeugung und ist besonders aktiv, wenn wir keinen wirklichen Einfluß nehmen können – wie z.B. bei dem Ausgang eines Fussballspiels. HSV hat ein riesiges Maskotchen – und… hat es ihnen etwas genützt?… Nein! – sie spielen dauerhaft um den Relegationsplatz bzw den Abstieg/Klassenerhalt. Aber… sie sind oh Wunder, immer noch in der 1. Liga. (*Flüsterton*: Werder steht ebenfalls eine gefühlte Ewigkeit auf dem 15. Platz der Bundesliga).

Entwicklungspsychologisch erinnert der Aberglaube an das Magische Denken vom 3.-7. Lebensjahr. (Wenn ich noch bei grün über die Ampel schaffe, bekomme ich ein Eis oder ähnliches). Ein Alter, in dem wir uns mehr ohnmächtig und hilflos fühlen, ängstlich und unsicher sind und erst noch lernen müssen, Kontrolle zu ergreifen und Entscheidungen zu treffen , immer im Zweifel, ob das wohl so richtig ist.

Seit Jahrhunderten streiten oder diskutieren Theologen und Philosophen, ob das, was C.G. Jung Synchronizität bezeichnet hat „in dem speziellen Sinn von zeitlicher Koinzidenz zweier oder mehrerer nicht kausal aufeinander bezogener Ereignisse, welche von gleichem oder ähnlichem Sinngehalt sind.“ nun Zufall oder Fügung ist.
Wir haben alle schon einmal telepathische Erfahrungen gemacht, zeitgleich jemandem zu sms und vom Betreffenden eine sms zu bekommen, oder sogar zu träumen, jemand würde sterben, der vielleicht tatsächlich einen Unfall hatte etc.

Der Klassiker ist Freitag der dreizehnte, daher haben die meisten Airlines keine Sitzreihe oder Sitzplatz mit der Nummer 13, Stockwerke keine 13. Etage. Bei den Japanern und Chinesen ist es übrigens die Zahl 4, weil sie falsch ausgesprochen „Tod“ heißt.

Für das Nordderby drücke ich logischerweise Werder die Daumen, schaue es mir aber lieber nicht an, weil, immer wenn ich Werder beim Fussballspielen zuschaue, verlieren sie ;-). Soll der Bessere gewinnen…

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Tag – Geschenke

Donnerstag war ein schöner Tag. Erfreulich. Es gibt solche Tage.

Zuerst schrieb ich einem Klienten, der zur letzten Sitzung nicht erschien, dass ich überrascht war, weil das kommentarlose Fernbleiben nicht zu dem Gefühl passte, was ich in den Sitzungen hatte: nämlich eine humorvolle, tragfähige, therapeutische Beziehungsebene. Prompt erhielt ich Antwort: Er habe die letzte Sitzung nicht mehr auf dem Schirm gehabt und ihm würde es so gut gehen, dass er es nicht für nötig hielt, sich bei mir zu melden, dass er aber weiß, dass er es machen wird, wenn er entsprechenden Bedarf hat.

Dann erhielt ich eine wunderschöne Email von einer Frau, die vor 2 Monaten entbunden hatte, die mir Rückmeldung zum Hypnobirthing geben wollte, weil sie dankbar war, dass sie durch die Unterstützung der Hebamme und des Hypnobirthings ein schönes Geburtserlebnis hatte. Berührt hat mich, als sie schrieb, ihr Sternenguckerkind hätte den Geschwistern im Himmel sagen wollen, dass es gut angekommen sei.

Dann bekam ich eine Email von einer Klientin, mit der ich mich in vier Sitzungen zusammenraufen musste, dass sie gerne weiterhin käme, weil es ihr gut getan hätte und sie jetzt an einem anderen Punkt, auf einer anderen Ebene, gerne die Therapie fortsetzen möchte.

Und zuguterletzt erhielt ich noch eine Rückmeldung einer Mutter, die mit ihrem Sohn wegen Spritzenphobie zu mir kam, dass er heute mit unserer erarbeiteten Methode in nur einer Sitzung in der Lage war, sich Blut abnehmen zu lassen.

Ich liebe solche Tage. Geschenke.

Spuren hinterlassen

Letztens schrieb eine Kollegin in einem Forum, Sie würde sich immer fragen, wenn in Fachbüchern stehen würde: Ich danke meinen Patienten – was eigentlich genau damit gemeint wäre und frug in die Runde, nachdem Sie von einer besonderen Situation mit einer Klientin sprach, was wir von unseren Klienten lernen würden.
Ich brauche immer lange, um auf solche komplexen Fragen eine Antwort zu finden. Quatsch, natürlich nicht eine, sondern Spot on, Film ab, gehe ich fast alle Begegnungen mit meinen Klienten durch. Es sind kleine Details, seltener das große Ganze.

Das interessante ist, wie eng Lernen offenbar mit Dankbarkeit verknüpft ist. So hatte ich zunächst ausschließlich die Frage im Kopf: Wofür ich meinen Klienten dankbar bin.

Letztens bekam ich von einer Klientin nach 5 Jahren eine Rückmeldung üder die vier Sitzungen, die wir hatten. Wow, nach 5 Jahren war ich ihr es noch wert, dass sie mir eine Rückmeldung schrieb. Wäre ihre Rückmeldung eine Schulnote, wäre es vermutlich eine 4- gewesen. Also kein Grund erstmal für Begeisterung. Aber ihre Mühe und ihr innerer Drang, mir nach 5 Jahren noch eine Email schreiben zu wollen, hat mich tief beeindruckt, dafür bin ich ihr sehr dankbar. Generell finde ich Rückmeldungen aller Art sehr hilfreich – für mich und meine Arbeit und natürlich für die nächsten Begegnungen mit Klienten. Ich frage meine Klienten immer, wenn sie gerne „schlagfertiger“ werden wollen und „sofort“ reagieren wollen, WARUM, dass sie sich Zeit lassen können und dann antworten, wenn es in ihnen quasi „spruchreif“ ist. Manchmal braucht eine Rückmeldung eben 5 Jahre.

Insgesamt bin ich meinen Klienten dankbar für den Vertrauensvorschuss, den wir Psychologen – oder auch Ärzte – erhalten, ohne dem eine Therapie völlig widersinnig wäre, was sie irgendwie trotzdem ist: Es treffen sich zwei völlig unbekannte Menschen, manchmal sind es auch bis zu sechs Personen (eine Familie und ich) und der eine (oder die anderen) schüttet sein Herz aus und erhofft Unterstützung zu finden. Wenn ein Mensch in der Straßenbahn darauf käme, würden wir es seltsam finden, in extra ausgewiesenen Räumen finden wir das völlig in Ordnung. Nur selten begegnen mir Menschen mit einem „Pokerface“, die nicht wollen, dass man ihnen „in die Karten schaut“, so kann keine Therapie stattfinden, dann ist Therapie nicht widersinnig sondern unsinnig und somit überflüssig. Also danke ich Ihnen für Ihr Vertrauen.

Ansonsten sehe ich es ein bisschen so, wie ein Kollege schrieb: Er lerne nicht VON sondern MIT seinen Klienten. Dazu fallen mir die beiden Teller ein, die meine Oma im Flur hängen hatte und auf dem einen stand

Geteilte Freude ist doppelte Freude.
– und auf dem anderen –
Geteiltes Leid ist halbes Leid.

Voneinander und miteinander Lernen, implizit und explizit, erfüllt, nicht nur mich, mit Dankbarkeit. Auch wenn in der Therapie die Nöte, Probleme, Ziele und Lösungsfindungen des Klienten im Vordergrund stehen, ist Psychotherapie keine Einbahnstraße. Jede Begegnung mit anderen Menschen schafft neue neuronale Vernetzungen und hinterlässt Spuren im Gehirn des Gegenübers, ob man will oder nicht. Lernen geht nicht ohne Neuroplastizität. Für diese Neuroplastizität bin ich UNS dankbar.

Lernen und Dankbarkeit heißt, Spuren zu hinterlassen.