Sind Diagnosen wichtig?

Letztens frug mich der Vater einer jungen Klientin, warum ich nicht mit Diagnosen arbeite. Ich antwortete augenzwinkernd: „Ich arbeite mit Menschen, nicht mit Diagnosen.“

Er ist Mediziner, von daher konnte ich die Frage gut nachvollziehen. In der (organischen) Medizin macht es absolut Sinn zu wissen, welches Organ wie und warum nicht mehr funktioniert, wie es die Natur so vorgesehen hat, damit man als Arzt punktgenau so präzise wie möglich die Behandlung vornehmen kann und ggf Kollegen hinzuzieht.

In der Psychologie arbeiten wir einerseits mit einer Nicht-Materie, andererseits ist natürlich die Befindlichkeit bei den meisten Menschen auch physisch sichtbar. Wir gehen meistens gebeugt, wenn wir traurig oder belastet sind. Unser Gehirn kann nicht wirklich zwischen einer Last, die man auf dem Rücken trägt (und ich meine es jetzt konkret und nicht als Metapher) und einer emotionalen Belastung unterscheiden.

Es gibt aber auch Menschen, deren soziale Maskierung so ausgeprägt ist, dass man ihr Leid ihnen nicht ansieht und auch in der Stimmmelodie nicht zu hören ist.

Es kann also teilweise zu einer krassen Diskrepanz zwischen der physischen Erscheinung, dem Auftreten und der Befindlichkeit kommen. Da ist es zum Beispiel als Therapeutin wichtig und hilfreich, das eigene System, den eigenen Körper und die Psyche als Resonanzkörper zu nutzen. Wenn ich zum Beispiel innerhalb einer Sitzung extrem müde werde und ich es vor der Sitzung nicht war, weiß ich inzwischen, dass der Klienent über alles mögliche spricht, aber nicht über das, was wirklich wichtig für ihn ist. Der Volksmund nennt das: „um den heißen Brei herumreden“…

Diagnosen sind für mich mehr eine Beschreibung, wie der Mensch bisher versucht hat, seine Probleme zu bewältigen. Wenn also ein Mensch wie oben skizziert, eine derartige Maskerade an den Tag legt, war das irgendwann in einem bestimmten Kontext absolut sinnvoll, quasi überlebensnotwendig. Irgendwann allerdings werden diese einstmaligen Lösungs- und Bewältigungsstrategien selbst zum Problem, nämlich dann, wenn wir uns immer noch maximal verstellen, obwohl der Kontext sich längst verändert hat und wir als Erwachsene längst andere Möglichkeiten haben/hätten, Probleme zu bewältigen.

Als Psychologin müsste ich eine Diagnose stellen, wenn ich mit der Krankenkasse (KK) abrechnen würde, und zwar eine Diagnose, die eine Behandlung rechtfertigen würde (aus Sicht der KK). Das Problem ist, dass nirgendwo beschrieben ist, was genau ein „normales Verhalten“ oder gar eine „normale Befindlichkeit“ IST, so entscheidet jeder Arzt/Psychologe nach eigenem Ermessen. Der Standard für die Verschlüsselung psychischer Erkrankungen heißt ICD-10 „International Classification of Disease“, und hat den Anspruch, international anwendbar zu sein, d.h. egal welches Geschlecht, welcher kulturelle und politische Hintergrund vorliegt(?!?!)…

Mein logischer Menschenverstand sagt mir, dass das völlig unmöglich ist. Als ich als Bremerin in der Psychiatrie in Norden tätig war, musste ich unterscheiden lernen, was ostfriesisch und was depressiv ist, was ländliche oder patriarchalische Struktur, oder „zwanghafte Verfolgungsphantasien“ sind. Wenn dann ein syrischer Ostfriese kam, durfte ich unterscheiden, was syrisch-kultivierte Melancholie, ostfriesisch wortkarg, depressiv, entwurzelt oder traumatische Folgereaktion ist…

Es gibt zwar folgendes Sprichwort „ein geliebtes Kind trägt viele Namen“, aber wenn jeder psychologische/psychiatrische Patient verschiedene Diagnosen trägt, ist er nicht geliebt, sondern in aller Regel stigmatisiert und verwirrt.

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Menschlichkeit

„Das Maß unserer Menschlichkeit bestimmt sich wesentlich danach, inwieweit wir über Worte verfügen, die das Erleben und die Gefühlswelt von Menschen auszudrücken vermögen.“ E. Dreiermann
Unsere Menschlichkeit hat eine Dimension angenommen, die so unmenschlich ist, dass sie einem die Sprache verschlägt.

Ersthelfer, die Leben retten wollen, werden mit Steinen beworfen andere halten die Kamera drauf, um sie in die in gängigen Medien zu veröffentlichen, inzwischen nicht Mal mehr anonym.

Es wurden kürzlich zwei Frauen ausgezeichnet, die herausgefunden haben, wie in der DNA Teilabschnitte herausgeschnitten werden, dass keine Erbkrankheiten in Zukunft mehr sein müssten.

Mit einer seltsamen Erziehungsmethode, die sich ABA nennt, werden autistische Kinder durch klassische Konditionierung so dressiert, wie ein Hund, dem man Kunststücke beibringt, sich möglichst an die Gesellschaft anzupassen. Nein, der gute Wille entschädigt auch dieses unmenschliche Verhalten nicht.

Wenn die Stimme heiser geworden ist, ist es hilfreich, Unmenschliches beim Namen zu nennen. Und sei es, auf diese Art und Weise, wie in einem Blog. Wir dürfen nicht schweigen, wir müssen wieder mehr miteinander sprechen.

Ich wünsche (uns) allen ein schönes Weihnachtsfest und einen ruhigen Jahreswechsel.

Nahtoderfahrungen (NTE)

Es ist ein sehr interessantes Thema, welches sehr kontrovers diskutiert wird. Ein Verfechter des „Endloses Bewusstsein“ ist der niederländische Kardiologe Pim van Lommel. Er sieht den Körper wie ein Radiogerät, welches die Radiowellen, die ja dauernd um uns herum sind, erst hörbar machen. Das Bewusstsein ist also die Radiowelle in diesem Vergleich. Er erzählt auch, wie er als Kardiologe mehr und mehr zu dieser Wahrnehmung kam, da er sehr viele Patienten mit NTE berufsbedingt kennenlernte. An der Universität sei nie darüber geredet worden.

Ich frage mich allerdings, wann diese NTE anfangen oder enden.
Ich kenne einen Patienten, der als kleiner Junge einen Unfall hatte mit Hirnblutungen. Er konnte hinterher seinen Eltern beschreiben, in welchem Raum sie auf ihn bei der OP gewartet hatten, obwohl er nie dort drin gewesen sei.
Ein ärztlicher Kollege beschrieb seine NTE als etwas sehr friedliches, fast schon verführerisches, verlockendes, einfach „hinüber zu gehen“ in ein helles Licht.
Eine Frau, die als Kind mal fast ertrunken war, erzählte, dass das Leben an ihr vorübergezogen sei, welches sie bis dahin hatte. Eine andere Klientin, die sich erinnerte, wie ihre Mutter sie abtreiben und später nach der Geburt ertränken wollte, und ihre Mutter mit dieser Erinnerung konfrontierte, die es nicht abstritt, hatte eine fortwährende große Sehnsucht „nach Hause zu kommen“, während sie als Kind in den Himmel schaute.

Als Psychologin ist es mir relativ egal, welche medizinischen oder biochemischen Gründe für oder gegen NTE sprechen, als Psychologin arbeite ich mit dem, wie es meine Klienten erlebt haben, denn das ist ihre Realität. Man kann niemandem seine Gefühle absprechen, dass wäre unsinnig, grenzüberschreitend und unproduktiv.
Für mich ist es wichtig, gemeinsam mit dem Klienten seinen ggf abgespaltenen Anteil, der von oben herunter schaut, wieder zu integrieren, dass ist absolut wichtig zur Heilung.

Über die Teile-Arbeit, oder hypnotherapeutisch Ego-State-Therapie, werde ich nochmal an anderer Stelle berichten.

Hypnose statt Narkose? Quatsch!

Kürzlich hatte Herr Professor Dr. Ernil Hansen eine Anfrage vom Hessischen Rundfunk bezüglich einer Filmaufnahme bei einer OP in der Hypnose STATT Narkose angewendet wird.
Seine Antwort darf ich hier als Gastbeitrag veröffentlichen.

„Hallo,
klare Antwort: ich halte Operationen unter Hypnose STATT Allgemeinanästhesie für unsinnig. Das funktioniert zwar, hat aber keine Indikation, weil Narkosen inzwischen so verträglich und sicher sind. Dasselbe gilt für Lokalanästhesie (s. Zahnärzte). Sinnvoll ist es , diese Verfahren mit Hypnose zu ergänzen (s.a. mein Interview unter http://www.hypnose.de). Auch Marie-Elisabeth Faymonville, Lüttich lehnt es regelmäßig ab, Operationen unter Hypnose filmen zu lassen. Ihre „Hypnosedation“ z.B. bei Schilddrüsenoperationen ist eine (höchst sinnvolle) Kombination aus Lokalanästhesie, Hypnose, Analgetika und Sedativa (Diese Tatsache wurde in der kürzlichen arte-Dokumentation wieder einmal verschwiegen).
Wenn Sie also einen Arzt in Hessen finden, wo Sie eine Operation unter Hypnose filmen können, dann nennen Sie ihn mir bitte, damit ich ihn von dem unsinnigen Vorhaben abbringen kann.
Denn dieser leider so typische Sensationsjournalismus über Hypnose behindert erheblich die Rückführung der Hypnose in die Medizin, für die ich und andere sich so einsetzen. Außerdem erleiden Patienten auch z.B. einmal einen Herzinfarkt, auch während einer Narkose oder im Zahnarztstuhl. Bei einer Klage wird sich kein Richter finden, der Verständnis dafür hat,dass man nicht das Bewährte und heute oft in Leitlinien festgelegt, the state of the art, angewendet hat, sondern ohne begründbare Indikation etwas „Alternatives“.
Mit freundlichen Grüßen,
Prof. Dr.med. Dr.rer.nat.
Ernil Hansen
Universitätsklinikum Regensburg“