Das Tier in uns

D. Ewin hat in seinem Buch „101 Dinge, die ich gern gewusst hätte, als ich anfing, mit Hypnose zu arbeiten“ vom Pilo Arrektor* Test geschrieben, in dem Sinne ‚wenn dir die Haare zu Berge stehen, wende keine Hypnose an‘. Was aber machen, wenn es dir dann wirklich passiert als Therapeutin?

Es ist eine physiologische Reaktion des Autonomen Nervensystems, wenn uns die Haare zu Berge stehen und kommt durch die Stimulation des Sympathikus zustande, eine natürliche Reaktion auf Kälte oder Angst zum Beispiel. Beim Stachelschwein richten sich die Stacheln auf, damit es größer erscheint und den Angreifer in die Flucht schlägt. Wir sind also auf der archaischsten Ebene unseres Daseins angekommen, wo es um Flucht oder Kampf geht. Soweit zur Physiologie.

Wenn es dir dann wirklich im Kontakt mit einem Klienten passiert, bleibt einem nur die mutige Flucht nach vorne, um die Behandlung abzusagen. Denn es ist wichtig, achtsam mit sich umzugehen und sich selbst UND sein Gegenüber zu respektieren.

Dabei ist es völlig unerheblich, ob es das eigene Unbewusste ist, welches auf den Klienten reagiert, also eigene Themen zu „Kampf und Flucht“ aktiviert werden, oder ob das therapeutische Unbewusste schon das Thema des Klienten erspürt. Warum? Weil man schon „verstrickt“ ist, wie es die Psychoanalytiker nennen. Gegenübertragungen sind ein Psychoanalytisches Konstrukt, das zur Diagnostik hilfreich sein kann. Verstrickung ist ein „zuviel des Guten“.

Es gibt aber auch systemische Verstrickungen. Erwartungen, Tabus, Geheimnisse und Legenden, aber auch Familienregeln oder die familiäre Kommunikationsfähigkeit bestimmen das „emotionale und soziale Vermächtnis“ der Ahnen. Scheidungskinder haben zum Beispiel ein weitaus höheres Risiko, ebenfalls eine Scheidung zu erleben. Es ist ein Konflikt zwischen Loyalität und Ablösung.

Wenn zum Beispiel ein Klient jüdische Vorfahren hat bzw. Jude ist und zu einem Therapeuten findet, dessen Großeltern vielleicht Nazis waren, kann das zu Verstrickungen unterschiedlister Arten führen. Kann, nicht muss.

Wenn also eine Therapeutin die Behandlung ablehnt, weil ihr „die Haare zu Berge stehen“, hat es vor allem etwas mit Achtsamkeit, Respekt und Wertschätzung zu tun, sich selbst und dem Klienten gegenüber.

*Für diese Bezeichnung gibt es mehrere Möglichkeiten der Schreibweise, die lateinische medizinische lautet „musculus piloerector“

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Change your life

Manchmal wünschte ich mir, ich hätte mit einer Polaroid Kamera ein Foto vorher und nachher gemacht.

Nicht immer geht eine äußere Veränderung mit einer inneren einher. Manchmal aber auch.

Eine Frau über 70J mit Kostüm und Terminkalender unterm Arm,gewohnt, wie eine Bänkerin Geschäfte zu machen, entdeckt ihre weiche, lebenslustige Seite wieder, verliebt sich erstmals in eine Frau und wird leidenschaftliche Tänzerin.

Eine andere Frau, die mit Verlustängsten kämpfte und sich mehr und mehr zurückzog, kam zur vierten und letzten Sitzung im farbigen Kostüm und farblich abgestimmten Armband und Halskette. Sie ging wieder unter Menschen und freute sich des Lebens. Was wäre gemacht haben? Abschied genommen von 3 Exmännern und einem Kind. Sie wollte dann noch eine Stunde nehmen, weil Sie sich seit längerem nicht mehr traute, Auto zu fahren, die sagte sie aber ab, weil sie sich schon von allein traute.

Interessant ist auch das Phänomen, dass einige meiner Klienten auswandern, die anfänglich wegen starker Ängste kamen. Manchmal nur von Norddeutschland nach Süddeutschland aber manchmal auch in andere europäische Länder oder gar andere Kontinente.

Manchmal wird „nur“ ein neuer Arbeitgeber und/oder neue/r Lebensgefährte/in gefunden.

Frauen unterstreichen diese Veränderungen oft mit einer manchmal auch sehr radikalen neuen Frisur. Eine regelrechte Typveränderung.

Es ist immer wieder toll und berührend, wenn Menschen mehr und mehr ihr „wahres Ich“ ent-decken und ent-falten.

Sind Diagnosen wichtig?

Letztens frug mich der Vater einer jungen Klientin, warum ich nicht mit Diagnosen arbeite. Ich antwortete augenzwinkernd: „Ich arbeite mit Menschen, nicht mit Diagnosen.“

Er ist Mediziner, von daher konnte ich die Frage gut nachvollziehen. In der (organischen) Medizin macht es absolut Sinn zu wissen, welches Organ wie und warum nicht mehr funktioniert, wie es die Natur so vorgesehen hat, damit man als Arzt punktgenau so präzise wie möglich die Behandlung vornehmen kann und ggf Kollegen hinzuzieht.

In der Psychologie arbeiten wir einerseits mit einer Nicht-Materie, andererseits ist natürlich die Befindlichkeit bei den meisten Menschen auch physisch sichtbar. Wir gehen meistens gebeugt, wenn wir traurig oder belastet sind. Unser Gehirn kann nicht wirklich zwischen einer Last, die man auf dem Rücken trägt (und ich meine es jetzt konkret und nicht als Metapher) und einer emotionalen Belastung unterscheiden.

Es gibt aber auch Menschen, deren soziale Maskierung so ausgeprägt ist, dass man ihr Leid ihnen nicht ansieht und auch in der Stimmmelodie nicht zu hören ist.

Es kann also teilweise zu einer krassen Diskrepanz zwischen der physischen Erscheinung, dem Auftreten und der Befindlichkeit kommen. Da ist es zum Beispiel als Therapeutin wichtig und hilfreich, das eigene System, den eigenen Körper und die Psyche als Resonanzkörper zu nutzen. Wenn ich zum Beispiel innerhalb einer Sitzung extrem müde werde und ich es vor der Sitzung nicht war, weiß ich inzwischen, dass der Klienent über alles mögliche spricht, aber nicht über das, was wirklich wichtig für ihn ist. Der Volksmund nennt das: „um den heißen Brei herumreden“…

Diagnosen sind für mich mehr eine Beschreibung, wie der Mensch bisher versucht hat, seine Probleme zu bewältigen. Wenn also ein Mensch wie oben skizziert, eine derartige Maskerade an den Tag legt, war das irgendwann in einem bestimmten Kontext absolut sinnvoll, quasi überlebensnotwendig. Irgendwann allerdings werden diese einstmaligen Lösungs- und Bewältigungsstrategien selbst zum Problem, nämlich dann, wenn wir uns immer noch maximal verstellen, obwohl der Kontext sich längst verändert hat und wir als Erwachsene längst andere Möglichkeiten haben/hätten, Probleme zu bewältigen.

Als Psychologin müsste ich eine Diagnose stellen, wenn ich mit der Krankenkasse (KK) abrechnen würde, und zwar eine Diagnose, die eine Behandlung rechtfertigen würde (aus Sicht der KK). Das Problem ist, dass nirgendwo beschrieben ist, was genau ein „normales Verhalten“ oder gar eine „normale Befindlichkeit“ IST, so entscheidet jeder Arzt/Psychologe nach eigenem Ermessen. Der Standard für die Verschlüsselung psychischer Erkrankungen heißt ICD-10 „International Classification of Disease“, und hat den Anspruch, international anwendbar zu sein, d.h. egal welches Geschlecht, welcher kulturelle und politische Hintergrund vorliegt(?!?!)…

Mein logischer Menschenverstand sagt mir, dass das völlig unmöglich ist. Als ich als Bremerin in der Psychiatrie in Norden tätig war, musste ich unterscheiden lernen, was ostfriesisch und was depressiv ist, was ländliche oder patriarchalische Struktur, oder „zwanghafte Verfolgungsphantasien“ sind. Wenn dann ein syrischer Ostfriese kam, durfte ich unterscheiden, was syrisch-kultivierte Melancholie, ostfriesisch wortkarg, depressiv, entwurzelt oder traumatische Folgereaktion ist…

Es gibt zwar folgendes Sprichwort „ein geliebtes Kind trägt viele Namen“, aber wenn jeder psychologische/psychiatrische Patient verschiedene Diagnosen trägt, ist er nicht geliebt, sondern in aller Regel stigmatisiert und verwirrt.

Hommage an Dorothea Buck

In diesem Monat ist Dorothea Buck 101 Jahre geworden. Sie hat eine sehr bewegte Lebensgeschichte hinter sich und die NS-Zeit überlebt. Mit 19 Jahren erkrankt sie an Schizophrenie und wird damals zwangssterilisiert, sie schreibt in den 80ern unter ihrem Pseudonym, dem Anagramm von Schizophrenie: Sophie Zerchin über Ihre Erfahrungen und setzt sich für eine humanere Psychiatrie ein. 1995 haben wir die schon damals betagte Frau in unseren Studiengang eingeladen und interviewt. Ihre im Prinzip Anti-Psychiatrie-Einstellung hat mich sehr geprägt. Insbesondere Ihre Einstellung, dass man eine Psychose nicht mit Medikamenten unterbinden sollte, weil der Betreffende sonst nichts daraus lernen kann. Sie hat damals Ihre Psychosen aufgrund Ihres sehr religiösen Elternhauses verstanden und erklärt. In den 1950ern hatte sie ihre letzte psychotische Episode.

Ihre Schilderungen haben mir den Mut gegeben, schon früh in meiner psychologischen Laufbahn, Phasen mancher Klienten ohne Medikamente oder Zwangseinweisung „auszuhalten“, was mancher Kollege mit Kopfschütteln quittiert hat. Es ist eine Grenzerfahrung und erfordert viel Vertrauen in die Selbstheilungskräfte der Klienten.

Sexueller Missbrauch kann manchmal so wiedererlebt werden, als ob er jetzt wäre, auch wenn er schon 30/40/50 Jahre her ist, dann wird m.E. manchmal eine Fehldiagnose gestellt und das Wiedererlebt als Psychose interpretiert. Stattdessen wäre es dann wichtig, den Klienten gut zu begleiten und ihm erklären, was in ihm vorgeht, und daß das Gehirn nunmal keine Vergangenheit kennt und alles wie aktuell erlebt.

Natürlich ist Psychiatrie auch hilfreich und sinnvoll plus Medikalisierung, wenn ich da an Herrmann* denke, der immense physische Kräfte entwickelt hat und wirklich fremd- und selbstgefährdend war.

*Name geändert

Vielen Dank, liebe Dorothea, und herzlichen Glückwunsch zu deinem Geburtstag und deinem biblischen Alter. Ich wünsche dir weiterhin eine starke Gesundheit.

(Der Lesbarkeithalber habe ich die männliche Person gewählt, gemeint sind natürlich Männer und Frauen.)

Zufall oder Aberglaube?

Ich bekam eine Anfrage von Radio Bremen, ob ich etwas zu Aberglauben sagen könne, weil ja das Nordderby kommendes Wochenende sei (Werder Bremen gegen HSV). Wir hatten ein kurzes aber durchaus witziges Interview.

Das Wort Aberglaube kommt aus dem 16. Jahrhundert und das Wort „aber“ heißt soviel wie „gegen“, also „Gegen den Glauben“. Abergläubisch zu sein empfand die Kirche als Hexerei und Gotteslästerung.
Aberglaube gibt es allerdings in jeder Kultur, zu allen Zeiten, unabhängig einer Konfession. Aberglaube ist menschlich – und tierisch! Ja! Skinner hat mit Ratten und Tauben (humane) Versuche gemacht: Die Ratte konnte von Punkt A bis B zum Futternapf in 2 Sekunden finden, aber erst zwischen der 4-5 Sekunde gab’s Futter. Wenn die Ratte kurz vorher irgendeinen anderen Laufweg nahm oder sich gekratzt hat o.ä. und es daraufhin zufällig Futter gab, zeigte sie anschließend immer wieder dasselbe Verhalten, weil sie kausal „dachte“, also dass die Wirkung (Futter) durch die Ursache (zufälliges Verhalten) zustande kam. Oder wenn die Tauben kurz vor der Fütterung mit den Flügel schlugen, zeigten sie dieses Verhalten immer wieder. Die Durchführung nannte Skinner „operante Konditionierung“, das Verhalten der Tiere „Aberglaube“. Aberglaube entsteht durch falsche Verknüpfung von Ursache und Wirkung.
Es ist ein Abfallprodukt der Evolution, sich die Welt berechenbar zu machen, daher scannt unser Gehirn permanent die Umwelt nach kausalen Zusammenhängen.
Aberglaube hat die Funktion einer Kontrollüberzeugung und ist besonders aktiv, wenn wir keinen wirklichen Einfluß nehmen können – wie z.B. bei dem Ausgang eines Fussballspiels. HSV hat ein riesiges Maskotchen – und… hat es ihnen etwas genützt?… Nein! – sie spielen dauerhaft um den Relegationsplatz bzw den Abstieg/Klassenerhalt. Aber… sie sind oh Wunder, immer noch in der 1. Liga. (*Flüsterton*: Werder steht ebenfalls eine gefühlte Ewigkeit auf dem 15. Platz der Bundesliga).

Entwicklungspsychologisch erinnert der Aberglaube an das Magische Denken vom 3.-7. Lebensjahr. (Wenn ich noch bei grün über die Ampel schaffe, bekomme ich ein Eis oder ähnliches). Ein Alter, in dem wir uns mehr ohnmächtig und hilflos fühlen, ängstlich und unsicher sind und erst noch lernen müssen, Kontrolle zu ergreifen und Entscheidungen zu treffen , immer im Zweifel, ob das wohl so richtig ist.

Seit Jahrhunderten streiten oder diskutieren Theologen und Philosophen, ob das, was C.G. Jung Synchronizität bezeichnet hat „in dem speziellen Sinn von zeitlicher Koinzidenz zweier oder mehrerer nicht kausal aufeinander bezogener Ereignisse, welche von gleichem oder ähnlichem Sinngehalt sind.“ nun Zufall oder Fügung ist.
Wir haben alle schon einmal telepathische Erfahrungen gemacht, zeitgleich jemandem zu sms und vom Betreffenden eine sms zu bekommen, oder sogar zu träumen, jemand würde sterben, der vielleicht tatsächlich einen Unfall hatte etc.

Der Klassiker ist Freitag der dreizehnte, daher haben die meisten Airlines keine Sitzreihe oder Sitzplatz mit der Nummer 13, Stockwerke keine 13. Etage. Bei den Japanern und Chinesen ist es übrigens die Zahl 4, weil sie falsch ausgesprochen „Tod“ heißt.

Für das Nordderby drücke ich logischerweise Werder die Daumen, schaue es mir aber lieber nicht an, weil, immer wenn ich Werder beim Fussballspielen zuschaue, verlieren sie ;-). Soll der Bessere gewinnen…