Bewertungen

Bewertungen sind eine äußerst subjektive Angelegenheit. Das wissen wir allerspätestens dann, wenn wir in die Schule kommen. In der Schule hat man aber einen Absender der Bewertung, man weiß, mit welchem Bewerter man es zu tun hat. Anonyme Bewertungen im Internet sind ein Segen und Fluch zugleich. Solange sie positiv sind, ist es erfreulich. Allerdings bewerten die meisten Klienten, die zufrieden sind, einen nicht im Internet, sondern schreiben einem eine Karte und bedanken sich, wenn sie es nicht schon verbal getan haben. Die Unzufriedenen, die Nörgler, machen sich überall die Mühe, einen negativ zu bewerten, weil es ihnen nicht um eine konstruktive Kritik geht, sondern um Berufsschädigung. Je verbitterter ein Mensch in seinem oder über sein Leben ist, desto destruktiver die (anonyme) Bewertung.
Als Therapeut/in und oder Arzt hat man kaum Möglichkeiten, darauf zu reagieren. Man kann zwar teilweise um Löschung bitten, aber nur dann, wenn sie unverhältnismäßig ist oder ein Fake ist. Dazu bräuchte man als Bewerteter aber eigentlich den Namen des Bewerters, der/die aber in aller Regel zu feige ist, für eine direkte Klärung der Missverständnisse. Manchen geht es eben ncht um Klärung, sondern um „Stänkern“ und statt um eine Begegnung um Destruktion und Nidertracht. Meistens erkennt man aber an der Bewertung den Verfasser, weil sich seine Verfassung in der Bewertung widerspiegelt.

Als Therapeutin ist mir Klarheit, Transparenz, Offenheit, Authentizität und Wertschätzung sehr wichtig, manche Menschen verwechseln Direktheit mit Unfreundlichkeit, Klarheit mit Kälte usw. Ich verhandle auch mit meinen Klienten „auf Augenhöhe“. Meistens merke ich schon am Telefon, ob eine Behandlung stimmig ist, ob die Chemie stimmt, oder nicht. Interessanterweise gibt es gerade in der neuen „Spektrum Psychologie“ einen Artikel darüber, dass wir mehr an der Stimme hören, an der Intonation, wie es dem anderen geht etc. als an der Mimik. Das Interessante und zugleich Verwirrende ist, dass alle Menschen behaupten, sie würden Ehrlichkeit bevorzugen und ja, sogar einfordern, aber es sollte uns vielleicht schon stutzig machen, dass Hiob, der (in der Bibel) die sogenannte Hiobsbotschaft überbracht hat, ermordet wurde. 😉

Es gibt eine wunderbare Geschichte von dem Hund mit den 1000 Spiegeln: Ein Hund verirrt sich in einem Labyrinth. Ihn schauen 1000 Hunde an. Er fängt an zu knurren. 1000 Hunde knurren zurück. Er fängt an zu bellen. Da bellen 1000 Hunde zurück. Da verirrt sich ein anderer Hund in das Labyrinth. Er hebt neugierig seinen Kopf. Da heben 1000 Hunde neugierig den Kopf. Da fängt er an, mit dem Schwanz zu wedeln. Da wedeln 1000 andere Hunde mit dem Schwanz zurück.

Ich wünsche allen Menschen, die es wollen, schöne Pfingsttage.

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Das Tier in uns

D. Ewin hat in seinem Buch „101 Dinge, die ich gern gewusst hätte, als ich anfing, mit Hypnose zu arbeiten“ vom Pilo Arrektor* Test geschrieben, in dem Sinne ‚wenn dir die Haare zu Berge stehen, wende keine Hypnose an‘. Was aber machen, wenn es dir dann wirklich passiert als Therapeutin?

Es ist eine physiologische Reaktion des Autonomen Nervensystems, wenn uns die Haare zu Berge stehen und kommt durch die Stimulation des Sympathikus zustande, eine natürliche Reaktion auf Kälte oder Angst zum Beispiel. Beim Stachelschwein richten sich die Stacheln auf, damit es größer erscheint und den Angreifer in die Flucht schlägt. Wir sind also auf der archaischsten Ebene unseres Daseins angekommen, wo es um Flucht oder Kampf geht. Soweit zur Physiologie.

Wenn es dir dann wirklich im Kontakt mit einem Klienten passiert, bleibt einem nur die mutige Flucht nach vorne, um die Behandlung abzusagen. Denn es ist wichtig, achtsam mit sich umzugehen und sich selbst UND sein Gegenüber zu respektieren.

Dabei ist es völlig unerheblich, ob es das eigene Unbewusste ist, welches auf den Klienten reagiert, also eigene Themen zu „Kampf und Flucht“ aktiviert werden, oder ob das therapeutische Unbewusste schon das Thema des Klienten erspürt. Warum? Weil man schon „verstrickt“ ist, wie es die Psychoanalytiker nennen. Gegenübertragungen sind ein Psychoanalytisches Konstrukt, das zur Diagnostik hilfreich sein kann. Verstrickung ist ein „zuviel des Guten“.

Es gibt aber auch systemische Verstrickungen. Erwartungen, Tabus, Geheimnisse und Legenden, aber auch Familienregeln oder die familiäre Kommunikationsfähigkeit bestimmen das „emotionale und soziale Vermächtnis“ der Ahnen. Scheidungskinder haben zum Beispiel ein weitaus höheres Risiko, ebenfalls eine Scheidung zu erleben. Es ist ein Konflikt zwischen Loyalität und Ablösung.

Wenn zum Beispiel ein Klient jüdische Vorfahren hat bzw. Jude ist und zu einem Therapeuten findet, dessen Großeltern vielleicht Nazis waren, kann das zu Verstrickungen unterschiedlister Arten führen. Kann, nicht muss.

Wenn also eine Therapeutin die Behandlung ablehnt, weil ihr „die Haare zu Berge stehen“, hat es vor allem etwas mit Achtsamkeit, Respekt und Wertschätzung zu tun, sich selbst und dem Klienten gegenüber.

*Für diese Bezeichnung gibt es mehrere Möglichkeiten der Schreibweise, die lateinische medizinische lautet „musculus piloerector“

Change your life

Manchmal wünschte ich mir, ich hätte mit einer Polaroid Kamera ein Foto vorher und nachher gemacht.

Nicht immer geht eine äußere Veränderung mit einer inneren einher. Manchmal aber auch.

Eine Frau über 70J mit Kostüm und Terminkalender unterm Arm,gewohnt, wie eine Bänkerin Geschäfte zu machen, entdeckt ihre weiche, lebenslustige Seite wieder, verliebt sich erstmals in eine Frau und wird leidenschaftliche Tänzerin.

Eine andere Frau, die mit Verlustängsten kämpfte und sich mehr und mehr zurückzog, kam zur vierten und letzten Sitzung im farbigen Kostüm und farblich abgestimmten Armband und Halskette. Sie ging wieder unter Menschen und freute sich des Lebens. Was wäre gemacht haben? Abschied genommen von 3 Exmännern und einem Kind. Sie wollte dann noch eine Stunde nehmen, weil Sie sich seit längerem nicht mehr traute, Auto zu fahren, die sagte sie aber ab, weil sie sich schon von allein traute.

Interessant ist auch das Phänomen, dass einige meiner Klienten auswandern, die anfänglich wegen starker Ängste kamen. Manchmal nur von Norddeutschland nach Süddeutschland aber manchmal auch in andere europäische Länder oder gar andere Kontinente.

Manchmal wird „nur“ ein neuer Arbeitgeber und/oder neue/r Lebensgefährte/in gefunden.

Frauen unterstreichen diese Veränderungen oft mit einer manchmal auch sehr radikalen neuen Frisur. Eine regelrechte Typveränderung.

Es ist immer wieder toll und berührend, wenn Menschen mehr und mehr ihr „wahres Ich“ ent-decken und ent-falten.

Sind Diagnosen wichtig?

Letztens frug mich der Vater einer jungen Klientin, warum ich nicht mit Diagnosen arbeite. Ich antwortete augenzwinkernd: „Ich arbeite mit Menschen, nicht mit Diagnosen.“

Er ist Mediziner, von daher konnte ich die Frage gut nachvollziehen. In der (organischen) Medizin macht es absolut Sinn zu wissen, welches Organ wie und warum nicht mehr funktioniert, wie es die Natur so vorgesehen hat, damit man als Arzt punktgenau so präzise wie möglich die Behandlung vornehmen kann und ggf Kollegen hinzuzieht.

In der Psychologie arbeiten wir einerseits mit einer Nicht-Materie, andererseits ist natürlich die Befindlichkeit bei den meisten Menschen auch physisch sichtbar. Wir gehen meistens gebeugt, wenn wir traurig oder belastet sind. Unser Gehirn kann nicht wirklich zwischen einer Last, die man auf dem Rücken trägt (und ich meine es jetzt konkret und nicht als Metapher) und einer emotionalen Belastung unterscheiden.

Es gibt aber auch Menschen, deren soziale Maskierung so ausgeprägt ist, dass man ihr Leid ihnen nicht ansieht und auch in der Stimmmelodie nicht zu hören ist.

Es kann also teilweise zu einer krassen Diskrepanz zwischen der physischen Erscheinung, dem Auftreten und der Befindlichkeit kommen. Da ist es zum Beispiel als Therapeutin wichtig und hilfreich, das eigene System, den eigenen Körper und die Psyche als Resonanzkörper zu nutzen. Wenn ich zum Beispiel innerhalb einer Sitzung extrem müde werde und ich es vor der Sitzung nicht war, weiß ich inzwischen, dass der Klienent über alles mögliche spricht, aber nicht über das, was wirklich wichtig für ihn ist. Der Volksmund nennt das: „um den heißen Brei herumreden“…

Diagnosen sind für mich mehr eine Beschreibung, wie der Mensch bisher versucht hat, seine Probleme zu bewältigen. Wenn also ein Mensch wie oben skizziert, eine derartige Maskerade an den Tag legt, war das irgendwann in einem bestimmten Kontext absolut sinnvoll, quasi überlebensnotwendig. Irgendwann allerdings werden diese einstmaligen Lösungs- und Bewältigungsstrategien selbst zum Problem, nämlich dann, wenn wir uns immer noch maximal verstellen, obwohl der Kontext sich längst verändert hat und wir als Erwachsene längst andere Möglichkeiten haben/hätten, Probleme zu bewältigen.

Als Psychologin müsste ich eine Diagnose stellen, wenn ich mit der Krankenkasse (KK) abrechnen würde, und zwar eine Diagnose, die eine Behandlung rechtfertigen würde (aus Sicht der KK). Das Problem ist, dass nirgendwo beschrieben ist, was genau ein „normales Verhalten“ oder gar eine „normale Befindlichkeit“ IST, so entscheidet jeder Arzt/Psychologe nach eigenem Ermessen. Der Standard für die Verschlüsselung psychischer Erkrankungen heißt ICD-10 „International Classification of Disease“, und hat den Anspruch, international anwendbar zu sein, d.h. egal welches Geschlecht, welcher kulturelle und politische Hintergrund vorliegt(?!?!)…

Mein logischer Menschenverstand sagt mir, dass das völlig unmöglich ist. Als ich als Bremerin in der Psychiatrie in Norden tätig war, musste ich unterscheiden lernen, was ostfriesisch und was depressiv ist, was ländliche oder patriarchalische Struktur, oder „zwanghafte Verfolgungsphantasien“ sind. Wenn dann ein syrischer Ostfriese kam, durfte ich unterscheiden, was syrisch-kultivierte Melancholie, ostfriesisch wortkarg, depressiv, entwurzelt oder traumatische Folgereaktion ist…

Es gibt zwar folgendes Sprichwort „ein geliebtes Kind trägt viele Namen“, aber wenn jeder psychologische/psychiatrische Patient verschiedene Diagnosen trägt, ist er nicht geliebt, sondern in aller Regel stigmatisiert und verwirrt.

entFREMDung

Manchmal besitzen wir schon als Kinder eine Fähigkeit, die von anderen erkannt und ausgenutzt, in diesem Sinne missbraucht wird. Dadurch entfremden wir uns dieser Fähigkeit, weil sie zweckemfremdet wurde und leugnen sie. Es ist wichtig, sich dessen bewusst zu werden und sich diese Fähigkeit wieder anzueignen.

Mütterlichkeit oder Fürsorge ist z.B. eine urweibliche Potenz, die unabhängig davon ist, ob wir wirklich Mütter geworden sind oder nicht. Es gibt Frauen, die ein hohes Maß an Mütterlichkeit mitsichbringen und keine Mütter sind, und es gibt Mütter, die kaum einen Funken Mütterlichkeit besitzen.
Wenn diese Fähigkeit bei einem Mädchen, das sie in besonderer Weise innehat, früh erkannt wird und dazu missbraucht wird, andere zu versorgen (z.B. Mutter oder behindertes oder kleinere/s Geschwister) wird es dieser Fähigkeit beraubt, weil sie in einem Alter gefordert wird, wo sie noch nicht ausgereift ist. Das Mädchen ist sich dann ihrer Stärke noch nicht bewusst. Sie wird dieses Verhalten in den weiteren Jahren verachten und oder eine Depression entwickeln, weil sie gibt, gibt gibt, ohne auch zu nehmen oder Anforderungen zu stellen.

1. Es ist wichtig, diese Fähigkeit als weibliche Potenz wahrzunehmen,
2. sie bei sich zu finden,
3. sie sich wieder anzueignen,
4. und sie bewusst und (selbst)achtsam weiter zu geben,
5. um so, andere Menschen reich zu beschenken
6. und dadurch selbst auch reich beschenkt zu werden.

Erzieherinnen, Kinder/Krankenschwestern, Altenpflegerinnen sind nicht zufällig ein typisch weiblicher Beruf. In diesen Berufen verhökern Frauen diese weibliche Ur-Potenz und entfremden sich so ihrer Stärke und Power. Gesellschaftlich wird es quasi immer noch von ihnen stillschweigend erwartet, dass sie die Kinder groß ziehen und später die Schwieger/Eltern pflegen, umsonst versteht sich.

Klar gibt es auch Männer in diesen Berufen und Männer, die diese mütterliche Fürsorgefähigkeit besitzen, dennoch ist es eine weibliche Potenz.